Jo Stöckholzer im Interview über Liebe, Tod und Politik

jo stoeckholzer

Ich verdaue durch das Songschreiben so einiges

Einmal melancholisch und sanft – und dann plötzlich doch wieder positive Klänge. So präsentiert sich Jo Stöckholzer auf seinem Debütalbum «Alles». Vor rund einem Monat habe ich den 22-Jährigen aus Innsbruck vorgestellt. Im E-Mail-Interview mit miwi.ch erzählt der Singer/Songwriter nun über seine Inspiration, das Songschreiben und sein Kindheit in kleinen Dorf Patsch.

miwi.ch: Jo, bist du ein höchst depressiver Mensch mit Zukunftsängsten, der sich Gedanken über den Tod macht?
Jo Stöckholzer: Eher nachdenklich und zeitweise melancholisch würde ich sagen …

Hatten deine Eltern noch nie Angst um dich, wenn du einen deiner melancholischen Songs einstudiert hast?
Neinein. Ich glaube, das Proben ist recht ungefährlich..

Wie viel «Jo» steckt in den Songs von deinem Debütalbum «Alles»?
Es steckt da sehr viel Jo drin, denn ich schreibe hauptsächlich – und bei diesem Album ausschliesslich – aus dem Moment und einer bestimmten Emotion heraus. Ich verdaue durch das Songschreiben so einiges was im Unterbewussten abgelagert wurde. Manchmal realisiere ich selbst erst später was mich zu dem ein oder anderen Text geführt hat – eigentlich recht spannend.

Aber du kannst auch lustig sein?
Ja, schon. Ich meine, man muss vermutlich meinen Humor verstehen, aber ich glaube schon. Da müsste man aber wahrscheinlich andere fragen.

Woher nimmst du die Inspiration für deine Songs?
Wie bereits angesprochen, passiert bei mir viel aus dem Moment heraus. Vieles, was mich in dieser Zeit beschäftigt und sich in meinem Unterbewusstsein absetzt, kreuzt beim Schreiben wieder auf und wird dort in ein Lied transformiert – so geht es bei mir auf jeden Fall am Besten. Also die hauptsächlichen Einfussquellen sind persönliche Erlebnisse, Gedanken und Wortspielereien.

Andere in deinem Alter machen Partys. Wie kommt es, dass du dich mit diesen Themen beschäftigst?
Es ist jetzt nicht so, dass ich nicht Feiern gehe, aber um auf die Themen zurück zu kommen: ich bin der Meinung, dass man sich über Liebe und den Tod vermutlich am meisten den Kopf zerbricht. Themen mit denen sich jeder schon einmal in irgendeiner Form auseinandergesetzt hat. Diese Emotionen dann wieder hervorzurufen und Menschen dazu bewegen, weiter nachzudenken ist doch eine schöne Sache.

Ich sage zu keiner Musik schon im Voraus Nein

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Wie bist du aufgewachsen?
In einem kleinen Dorf in den Bergen in Tirol namens Patsch. Also alles sehr dörflich, klein und mit nicht ganz so viel Weitblick. Hab auch eher schwer Anschluss gefunden, was sich mittlerweile in der Stadt ganz gut geändert hat.

Hatte diese Kindheit einen Einfuss auf deine musikalische Entwicklung?
Hui, das ist schwierig zu sagen. Vermutlich der komplette Lebensweg. Ich hatte in der Volksschule nur ein Fach in dem im Zeugnis kein Einser stand – dieses Fach war Musik. Später sagte man mir, ich könne nicht Zeichnen und ich machte die Ausbildung zum Grafker. Vielleicht hat es etwas mit dem Drang zu tun das zu machen, von dem Leute behaupten, ich könnte das nicht.

Welche Musik hörst du persönlich und warum?
Ich höre phasenweise sogar recht wenig Musik, da brauch ich einfach mal meine Ruhe. Ansonsten ist es sehr unterschiedlich – von Moritz Krämer über Bonaparte bis Bon Iver, Fabian Römer, Woodkid, usw. Ich sage zu keiner Musik schon im Voraus Nein.

Deine Songs leben sehr stark von den Texten. Wie lange arbeitest du an einem Song?
Ganz unterschiedlich. Manchmal fünd Minuten und manchmal können daraus auch zwei Monate oder länger werden. Hie und da wird eine Idee auch ein halbes Jahr später wieder aufgegriffen. Den kreativen Ablauf kann man nur sehr schwer beschreiben.

Wo schreibst du deine Songs?
Meistens zu Hause. Aber auch unterwegs. Ich kann meistens aber am besten schreiben, wenn ich alleine bin, da dann die Hemmschwelle am kleinsten ist.

Ich kann die Leute mit meiner Musik ein bisschen bekehren

Dein Song «Oben Untern Links Rechts» (siehe auch Clip oberhalb dieser Frage) nimmt mit der Flüchtlings-Debatte eine aktuelles Thema auf. Wie politisch engagiert bist du?
Ich persönlich interessiere mich schon sehr dafür, ich will politisch aber nicht mitmischen. Ich weiss, was ich Okay finde und was nicht. Ich habe meine Meinungen und muss die niemanden aufzwängen. Ich kann die Leute auch mit meiner Musik ein bisschen bekehren.

Trotzdem hast du einmal gesagt, deine Musik sei unpolitisch – würdest du den Song dennoch als gesellschaftskritisch bezeichnen?
Gesellschaftskritisch trifft es gut, aber ich würde es nicht politisch nennen. Wie gesagt, ich weiss, was ich richtig finde und was nicht.

Was möchtest du durch deine Musik bei den Zuhörern erreichen?
Ich möchte sie treffen, etwas in ihnen Bewegen, Emotionen hervorrufen, das ist es, worum es geht.

Was für ein Publikum möchtest du ansprechen?
Alle, die ich emotional bewegen kann – da gibt es keine Grenzen. Das merkt man auch sehr schön bei den meisten Konzerten – ein sehr schönes Gefühl.

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Du warst anfänglich alleine, nun mit einer Band unterwegs. Wurde es zu einsam?
Ich bin auch immer noch alleine unterwegs. Ich habe jetzt aber jetzt mit Band oder im Duo nochmals mehr Möglichkeiten. Ich kann so quasi überall auftreten. Das mit der Einsamkeit ist jedoch ein guter Punkt: Es ist schon oftmals recht schräg alleine im Backstagebereich zu sitzen. Da muss man dann schnell mal raus und wird gleich viel nervöser. Auf der Bühne mag ich es aber alleine, zu zweit oder mit kompletter Band wahnsinnig gerne. Kommt ganz auf die Location an.

Was machst du neben der Musik?
Meine Hauptbeschäftigung gilt der Musik. Das Managen, das Booken sowie das Promoten nimmt schon sehr viel Zeit ein. Ich bin aber auch bei einer Sattlerei aktiv, was mir auch sehr viel Freude und ein bisschen Abwechslung bereitet.

Nun sind 13 Songs von dir erschienen. Wie geht es weiter?
Es steht ein sehr interessantes Feature an. Die Lieder für das zweite Album hätte ich bereits. Im Frühjahr 2016 gibt es eine kleine Duo-Tour und im April hoffentlich noch ein paar Bandkonzerte. Hoffentlich habe ich bald auch die Möglichkeit in die Schweiz zu kommen – das würde mich riesig freuen!

Das Debütalbum von Jo Stöckholzer ist hier auf iTunes erhältlich. Mehr über den talentierten Österreicher gibt es unter jostoeckholzer.com und facebook.com/jostoeckholzermusik/.

 


ÜBER DEN AUTOR:
miwiGesungen habe ich immer gerne – leider nur auf Schulchor-Niveau. Heute beschränke ich mich daher lieber auf das Musikhören. Gut, gehörte zu meinem ersten Job beim Radio auch das Einsortieren der neuen CDs. Da gab es viele neue Musik zu entdecken. Auch heute gehe ich regelmässig auf Entdeckungstour – weltweit im Web. Meine Abenteuer teile ich hier auf miwi.ch gerne mit Euch. Mehr über mich gibt es unter michaelwieland.ch zu lesen.


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